Plötzlicher Sprachverlust nach Schlaganfall

Ein plötzlicher Sprachverlust nach einem Schlaganfall trifft Patienten wie aus heiterem Himmel. Menschen kommunizieren von der ersten Minute ihres Lebens an und eine Sprachlosigkeit ist kaum vorstellbar. Wenn uns diese von einem Moment zum nächsten genommen wird, dann ist dies meistens ein einschneidendes und belastendes Ereignis. Sowohl für den Patienten, als auch für die Angehörigen ändert sich vieles. Den Blick nach vorne zu richten bedeutet, die Krankheit anzunehmen und die Hoffnung nicht aufzugeben. Denn besonders in den ersten Wochen nach einem Schlaganfall führt die Heilung zu einer Rückbildung der Sprachstörung. Die Sprachtherapie ist in dieser Krankheitsphase besonders wichtig, da sie den Patienten darin unterstützt weiter zu kommunizieren und in Kontakt zu bleiben.

Nach einem Schlaganfall kommt es zu einem Heilungsprozess, in dem sprachliche Fähigkeiten häufig zurückkehren. In dieser Zeit ist eine intensive Sprachtherapie besonders wichtig.

Wenn ein Schlaganfall zu einem plötzlichem Sprachverlust führt…

In Deutschland erleiden ungefähr 270.000 Menschen jährlich einen Schlaganfall. Weil unser Gehirn maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass wir Menschen überhaupt sprechen können, sind Sprachstörungen häufig die Folge. 

Sprache entsteht im Gehirn

Im Zentrum der Sprachfähigkeit steht also das menschliche Gehirn. Dort entstehen unsere Gedanken die auf unvorstellbare Weise in Sprachlaute, Wörter und Sätze übertragen werden. Von dort aus erfolgt auch die Planung und Steuerung der Sprechbewegungen, der Sprechatmung und der Stimmgebung. Und wenn wir Sprache verstehen, wird sie in den Sprachzentren unseres Gehirns entschlüsselt. 

Die Sprachzentren

Zwei Regionen in unserem Gehirn sind in besonderer Weise auf die Verarbeitung sprachicher Informationen spezialisiert: das Broca-Areal und das Wernicke Areal. Sie liegen bei den meisten Menschen in der linken Hirnhälfte und sind in komplexer Weise mit vielen weiteren Gehirnregionen vernetzt. 

Die Blutversorgung des Gehirns

Da unser Gehirn über keinerlei Nährstoff- oder Sauerstoffreserven verfügt, ist es auf eine stetige Blutzufuhr angewiesen. Kommt es aus irgendeinem Grund zu einer Minderversorgung des Gehirns mit Blut, führt dies schon nach wenigen Sekunden zur Bewusstlosigkeit. Hält der Zustand an, kommt es zu dauerhaften Schäden des Hirngewebes und damit zum Schlaganfall (auch Hirninfarkt oder Apoplex). Der Ort der Schädigung bestimmt dabei die Art der Symptome. Wenn die Läsion im Bereich der Sprachzentren liegt, kommt es zu plötzlich auftretenden Sprachstörungen, den so genannten Aphasien.

Durchblutungsstörungen im Gehirn führen zu Schlaganfällen. Wenn sprachverarbeitende Regionen betroffen sind, dann führt das zu Sprachstörungen.

Schlaganfälle

Schlaganfälle sind ist die häufgste Ursache für Aphasien. Diese Durchblutungsstörungen des Gehirns lassen sich in zwei unterschiedliche Hauptformen unterteilen, nämlich den ischämischen Schlaganfall und die Hirmblutung. 

Der ischämische Schlaganfall (Insult, Apoplex)

Beim ischämischen Schlaganfall kommt es zu einer plötzlichen Minderdurchblutung in einem Teil des Gehirns. Der Grund dafür sind Blutgerinsel oder Plaques, die sich in einem anderen Blutgefäß oder dem Herzen gebildet haben. Wenn sich solche Partikel lösen und durch das Gefäßsystem gespült weden, verursachen sie in den kleinen Hirnarterien häufig Gefäßverschlüsse (Embolien). Die nachfolgenden Regionen werden dadurch von der Blutversorgung abgeschnitten. Je größer das betroffene Hirnareal ist, desto schwerer sind die auftretenden Sprachstörungen. Die Ischämie ist die häufigste Ursache von Schlaganfällen.

Hirnblutungen

Hirnblutungen entstehen häufig dann, wenn sich durch die Aussackung eines Blutgefäßes im Gehirn ein Aneurisma gebildet hat. Durch einen plötzlichen Blutdruckanstieg kann es passieren, dass solch ein Aneurisma platzt und in das Hirngebewe einblutet. Wenn hiervon sprachverarbeitende Hirnregionen betroffen sind, dann kommt es, wie bei der Ischämie auch, zur Entstehung einer Aphasie.

Der plötzliche Sprachverlust führt zu erheblichen Einschränkungen in der Kommunikation. Trotzdem ist es wichtig, mit dem Patienten im engen Austausch zu bleiben und ihn sprachlich zu forden.

Krankheitsphasen

DIe Akutphase einer Aphasie dauert ca. 4-6 Wochen. In dieser Zeit verändert sich die Symptomatik noch sehr stark. Da sich das Gehirn so gut es geht neu organisiert, kommt es in dieser Phase meistens zu einer deutlichen Rückbildung der aphasische Symptome. 
Die folgende postakute Phase dauert bis zu einem Jahr nach dem Schlaganfall an. Auch in dieser Phase gibt es noch Befundverbesserungen; diese haben aber nicht mehr die gleiche Dynamik wie in der Akutphase. 
Nach ca. 12 Monaten beginnt die chronische Phase einer Aphasie. Die Fortschritte sind dann nur noch gering und die Symptomatik bleibt relativ stabil. Weil in dieser Krankheitsphase typische Störungsmuster erkennbar sind, lassen sich die Aphasien verschiedenen Kategorien, den so genannten Standardsyndromen zuordnen. 

Standardsyndrome

Bei einer Aphasie handelt es sich in der Regel nicht um einen kompletten Sprachverlust, sondern um eine Sprachstörung mit einer differenzierten Symptomatik. Die häufigsten Aphasien lassen sich den vier Standardsyndromen zugordnen: 

  1. Bei der amnestischen Aphasie ist die Sprache des Patienten vor allem durch Wortfindungsstörungen gekennzeichnet. Teilweise kommt es dadurch zu einer Sprechanstrengung. 
  2. Bei der Broca-Aphasie liegt der Schwerpunkt der Störung im Satzbau. Die Patienten sprechen sehr kurze und unvollständige Sätze, die manchmal nur aus ein bis zwei Wörtern bestehen. Wortfindungsstörungen erschweren das Sprechen zusätzlich. 
  3. Patienten mit Wernicke-Aphasie bilden lange Sätze, die allerdings durch viele grammatikalische Fehler stark entstellt sind. Daher sind die Patienten nur schwer zu verstehen. 
  4. Die Globale Aphasie ist von Sprachautomatismen gekennzeichnet. Der Patient bildet ständig wiederkehrende, meistens unpassende und inhaltsleere Redefloskeln.

Aphasiker benötigen vor allem in den ersten 6 Wochen nach einem Schlaganfall eine intensive sprachliche Anregung.

Logopädische Aphasietherapie

Sprachtherapie

Sprachstörungen schränken die Kommunikationsfähigkeit sehr stark ein. Ein plötzlicher Sprachverlust verunsichert die Patienten manchmal so sehr, dass sie das Sprechen ganz aufgeben. Besonders in den ersten 6 Wochen nach dem Schlaganfall ist es aber besonders wichtig, so viel wie möglich zu kommunzieren. Denn unser Gehirn kann sich am besten neu organisieren, wenn es sprachlich herausgefordert wird. 

Aphasien können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Daher ist vor allem zu Beginn der Behandlung eine ausführliche Diagnostik erforderlich, in der die Symptomatik so genau wie möglich beschrieben wird. im weiteren Verlauf entwickelt der Therapeut passende sprachliche Übungen, die die Reorganisation der Sprachverarbeitung unterstützen. Angehörige können den natürlichen Heilungsprozess unterstützen, wenn Sie regelmäßig Zeit aufbringen, um mit dem Patienten so gut wie möglich in den Dialog zu treten. 

Gesangstherapie

In unserem Gehirn sind sprachverarbeitende und musikverarbeitende Regionen eng miteinander vernetzt. Da bei Aphasien die musikverarbeitenden Gehirnstrukturen meistens nicht betroffen sind, kann die Einbeziehung musikalischer Elemente positivee Therapieeffekte und die Sprache anregen. Aus unserer Sicht ist es daher immer ein sinnvoller Versuch, gemeinsam zu singen, Musik zu hören oder zu musizieren. 

Schlucktherapie

Schlucken ist ein lebenswichtiger Vorgang, an dem diverse Organstrukturen beteiligt sind. Wie das Sprechen auch, wird das Schlucken von unserem Gehirn gesteuert. Nach Schlaganfällen kommt es vor allem in der ersten Woche häufig zu Schluckstörungen. Wenn sich Patienten verschlucken, dann gelangt ein Teil des Schluckgutes in die Luftröhre und kann dort lebensgefährliche Lungenentzündungen verursachen. Deshalb sollte direkt nach einem Schlaganfall immer eine logopädische Schluckdiagnostik erfolgen.

Musik und Sprache sind eng verwandt. Beide Modalitäten werden im Gehirn auf ähnliche Weise verarbeitet. Gemeinsames Singen hift der Sprache und wirkt der Sprachlosigkeit entgegen.

Angehörigenberatung

Wenn es bei einem Patienten zu einem Schlaganfall mit plötzlichem Sprachverlust kommt, dann entstehen bei den Angehörigen meistens viele Fragen. Nicht nur der Aphasiker muss vieles neu lernen sondern auch die Angehörigen. Manchmal kann es sehr sinnvoll sein, wenn Angehörige mit in die Behandlung einbezogen werden und die folgenden Themen gemeinsam besprochen werden:

  • Welche kommunikativen Probleme entstehen im Alltag?
  • Was bedeutet der plötzliche Sprachverlust für die Angehörigen?
  • Auf welche Weise gelingt die Kommunikation am erfolgreichsten?
  • Können nonverbale Kommunikationsmittel helfen?
  • Gibt es alternative Kommunikationshilfen? 

Aphasiker-Selbsthilfe

Viele Fragen zum Thema Schlaganfall und Aphasie werden in diversen Informations-Broschüren ausführlich beantwortet. Entsprechendes Material finden Angehörige z.B. auf der Internetseite des Bundesverbandes für die Rehabilitation der Aphasiker.

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