Reinke Ödem (Stimmband- oder Stimmlippenödem): Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten

Das Reinke Ödem tritt vor allem bei Frauen im mittleren Lebensalter auf und führt zu einer tiefen und rauen Stimme. Was anfangs durchaus noch attraktiv klingen kann, entwickelt sich mit zunehmender Ausprägung des Stimmlippenödems zu einer Stimmstörung mit verstärkter Heiserkeit und kommunikationsbelastenden Sprechanstrengung.
In diesem Artikel erfährst Du, was ein Reinke Ödem ist, welche Ursachen es hat und wie man es logopädisch und operativ behandelt.

Was ist ein Reinke Ödem?

Beim Reinke Ödem kommt es zu einer Einlagerung von Gewebeflüssigkeit in die Stimmlippen. Dies führt zu einer Schwellung der Stimmlippen und in der Folge zu einer organischen Stimmstörung mit rauer, heiserer und vor allem tiefer Stimme.

Stimmlippenödeme treten häufig bei Frauen auf


Betroffen sind häufig Frauen über 40, die berichten, schon immer eine tiefe Stimme gehabt zu haben. Aufgrund der verdickten, aufgetriebenen Stimmlippen klingt die Stimme tief und rau, was vor allem im Anfangsstadium des Reinke Ödems noch als attraktiv empfunden wird. Eine Vorstellung beim Arzt oder Logopäden erfolgt häufig erst dann, wenn die Stimme als männlich wahrgenommen wird. Im weiteren Verlauf entwickeln sich diverse Symptome einer Stimmstörung, wie z.B. Heiserkeit oder Sprechanstrengung.

Ursachen des Reinke Ödems

Grundsätzlich können Ödeme an unterschiedlichen Orten unseres Körpers auftreten. Die Ursachen können unterschiedlicher Natur sein. Bei der Entstehung von Stimmbandödemen ist die eigentliche Ursache derzeit nicht abschließend geklärt. Allerdings scheint es Riskiofaktoren zu geben, die zur Entstehung beitragen. Diese sind:

  • Rauchen
  • Alkoholkonsum
  • Refluxkrankheit
  • hohe Stimmbelastung
  • Stimmstörungen (Dysphonien)

Gutartige Schwellung

Das Reinke Ödem ist eine gutartige Schwellung. Es kann zwar größer werden und muss in solchen Fällen manchmal auch operativ entfernt werden. Es entartet aber nicht zu einem bösartigen Tumor.

Reinke Ödem, Stimmbandödem oder Stimmlippenödem?

Alle drei Begriffe sind gebräuchlich und beschreiben eine Wasseransammlung im Gewebe der Stimmlippen. Der Begriff Reinke Ödem geht auf den Entdecker, den deutschen Anatom Friedrich Berthold Reinke, zurück.

Ursachen / Risikofaktoren des Reinke Ödems:

Rauchen
Alkoholkonsum
Refluxkrankheit
hohe Stimmbelastung
Stimmstörungen (Dysphonien)


Wie entsteht das Reinke Ödem?

Für ein besseres Verständnis, wie Stimmlippenödeme entstehen, was sie bewirken und wie man sie am besten behandelt, sollten wir uns zunächst die Anatomie der Stimmlippen vergegenwärtigen.

Die Stimmlippen erzeugen den Stimmklang

Die Stimmlippen befinden sich innerhalb unseres Kehlkopfes. Bei der Stimmgebung werden sie von der Ausatemluft in Schwingung versetzt. Auf diese Weise entsteht der Stimmklang, der im Vokaltrakt (Rachen, Mund und Nase) zu Sprachlauten geformt wird.

Anatomie und Physiologie der gesunden Stimmlippen

Die Stimmlippen bestehen aus unterschiedlichen Gewebeschichten, die für die Ökonomie und Qualität der Stimmbildung von großer Bedeutung sind.

Deckschicht: Schleimhaut
Die oberste, aus Epithel bestehende Schleimhautschicht bildet die Deckschicht der Stimmlippen. Ein gesundes Epithel ist glatt, gräulich-hell und frei von Entzündungszeichen.

Mittlere Schicht: Lamina Propria
Unterhalb des Epithels befindet sich die aus Bindegewebe bestehende zweite Schicht der Stimmlippe, das eigentliche Stimmband. Es bildet eine Übergangsschicht zwischen Epithel und dem Stimmlippenmuskel.

Unterlage: Musculus vocalis
Im Inneren der Stimmlippe befindet sich der Stimmlippenmuskel, der Musculus vocalis.

Das Stimmband ermöglicht die „Randkantenverschiebung“

Das Stimmband liegt also zwischen dem Stimmlippenmuskel und dem Schleimhautepitel und ermöglicht eine Verschiebung dieser Schichten gegeneinander. Dadurch entsteht bei der Stimmlippenschwingung eine „abrollenden“ Bewegung. Diese so genannte Randkantenverschiebung ist ein wesentliches Merkmal gesunder Stimmlippen. Sie ist essentiell für eine ökonomische Tonproduktion und einen klaren Stimmklang.

Die Schleimhaut der Stimmlippen ist empfindlich

Eine gesunde Schleimhaut ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Stimmlippen bei der Stimmgebung frei und ungehindert schwingen können. Allerdings können beim Atmen, bei der Stimmgebung oder beim Schlucken diverse Reize auf die Stimmlippen einwirken, die zu einer Schädigung der Schleimhaut führen können. In der Folge können chronische Entzündungen entstehen, die die Schwingungsfähigkeit der Stimmlippen einschränken.

Entstehung des Reinke Ödems

Stimmlippenödeme entstehen vermutlich aus dem Zusammenspiel verschiedener Risikofaktoren. Durch eine dauerhafte Überlastung der Stimmlippen in Kombination mit verschiedenen stimmschädigenden Einflüssen kann es zur Ausprägung eines Ödems innerhalb der Stimmlippe kommen. Die Gewebeflüssigkeit sammelt sich dabei im so genannten Reinkeraum, zwischen dem Schleimhautepithel und der darunter liegenden Lamina Propria.

Die Schleimhaut der Stimmlippen ist empfindlich.
Daher sollten wir sorgsam mit ihr umgehen.

Befund und Symptome

HNO-ärztliche Untersuchung

In einer HNO-ärztlichen oder phoniatrischen Untersuchung erfolgt eine Kehlkopfspiegelung. Das Stimmlippenödem zeigt sich in Form von lappig-ödematös aufgequollenen Stimmlippen.

Stimmliche Symptome

  • tiefe, abgesenkte Sprechstimmlage
  • raue Stimme
  • Heiserkeit
  • eingeschränkte Leistungsfähigkeit der Stimme
  • Stimmlosigkeit (Aphonie) bei ausgeprägtem Befund möglich
  • Atemnot (Dyspnoe): Bei großen Stimmbandödemen kann es zu einer Einengung des Luftweges kommen. Atemprobleme sind die Folge.

Stimmhygiene hilft,
die Stimmlippen gesund zu erhalten.

Behandlung von Stimmlippenödemen

Helfen Hausmittel oder Tabletten?

Nein. Sowohl Hausmittel als auch eine medikamentöse Therapie sind wirkungslos.

Ist eine Heilung ohne OP möglich?

Besonders im Anfangsstadium eines Reinke Ödems, kann eine konservative Behandlung erfolgreich zur Rückbildung eines Stimmbandödems beitragen. Dabei geht es vor allem darum, alle Risikofaktoren zu beseitigen bzw. zu minimieren:

  • Rauchen einstellen
  • weitere Noxen minimieren
  • Atem-, Sprech- und Stimmtechnik verbessern
  • Stimmbelastung reduzieren

Im Anfangsstadium eines Stimmbandödems
kann eine logopädische Stimmtherapie
erfolgreich sein.

Logopädische Therapie

In der Anfangsphase kann eine logopädische Stimmtherapie zur Rückbildung eines Stimmbandödems führen.

Stimmdiagnostik

Zu Beginn einer logopädischen Behandlung findet immer eine ausführliche Erstuntersuchung, einschließlich ausführlicher Anamnese und computergestützter Stimmanalyse statt. In dieser Stunde geht es darum, herauszufinden, welche Ursachen zur Entwicklung des Reinke Ödems beigetragen haben. Uns leiten dabei die folgenden Fragen:

  • Liegen stimmtechnische Defizite vor?
  • Zeigen sich Symptome einer Stimmstörung (Dysphonie)?
  • Spricht der Patient mit zu viel Druck?
  • Bestehen Auffälligkeiten bei der Sprechatmung?
  • Liegen ungünstige Umgebungsfaktoren vor, wie z.B. dauerhaftes Sprechen bei hohem Lärmpegel?
  • Gibt es stimmschädigende Verhaltensweisen, wie z.B. das Rauchen oder regelmäßiger Konsum von Alkohol?
  • Gibt es Zeichen einer Refluxkrankheit? Leidet der Patient unter Sodbrennen?

Ausgehend von den Ergebnissen der Diagnostik erstellen wir einen individuellen Behandlungsplan.

Behandlungsbereiche und Therapieziele

Das Ziel der logopädischen Stimmbehandlung ist es, die stimmschädigenden Verhaltensweisen zu beseitigen bzw. zu minimieren und damit zur Rückbildung des Stimmlippenödems beizutragen. In unserer logopädischen Arbeit vermitteln wir daher die folgenden Inhalte:

  1. Stimmhygienische Maßnahmen:
    Der Patient lernt Verhaltensweisen kennen, die zur Gesunderhaltung der Stimme beitragen. Die wichtigste Maßnahme ist, das Rauchen einzustellen.
  2. Optimierung der Sprechumgebung:
    Im beruflichen Alltag herrschen manchmal äußerst stimmbelastende Verhältnisse. In vielen Fällen lassen sich diese mit einer sinnvollen Planung oder mit technischen Hilfsmitteln deutlich verbessern. Dies kann zu einer eindeutigen Reduktion der Stimmbelastung führen.
  3. Verbesserung der Stimmtechnik:
    Je besser die Atem-, Sprech- und Stimmtechnik entwickelt ist, desto leistungsfähiger ist die Stimme.
    Im Rahmen der Stimmtherapie helfen Stimmübungen dabei, einen resonanzreichen Stimmklang zu finden und den eventuell zu hohen Druck beim Sprechen zu reduzieren.
  4. Verbesserung der Atemtechnik:
    Stimmprobleme sind häufig mit Atemproblemen verbunden. In der Stimmtherapie erarbeiten wir eine gesunde Bauch- und Brustatmung mit regelmäßigen Atempausen während des Sprechens.
  5. Aussprache (Artikulation):
    Die Stimmgebung steht in engem Zusammenhang mit der Artikulation. Eine gute Ausformung insbesondere der Vokale fördert die Tragfähigkeit der Stimme und macht sie leistungsfähig.

Rückbildung überprüfen

In regelmäßigen Kontrolluntersuchungen überprüft der behandelnde Phoniater oder HNO-Arzt, ob eine Rückbildung des Reinke Ödems erkennbar ist. Wenn dies der Fall ist, sollte die logopädische Behandlung natürlich fortgesetzt werden. Andernfalls ist eine Operation in Erwägung zu ziehen.

Wenn die logopädische Behandlung
nicht zur Rückbildung führt,
sollte eine phonochirurgische Operation
erwogen werden.

Phonochirurgische Operation

Bei ausgeprägten Stimmlippenödemen oder dann, wenn eine logopädische Therapie keine Verbesserung bringt, ist eine Operation eine sinnvolle Maßnahme mit guter Prognose.

Stimmschonende Operation

Phonochirurgische Operationsverfahren verfolgen das Ziel, die Stimmlippenfunktion so gut wie möglich zu erhalten. Da die Bindegewebsschicht der Stimmlippe eine enorme Bedeutung für die postoperative Stimmqualität hat, müssen Reinke Ödeme sehr vorsichtig entfernt werden. Ein Teil des Epithels muss immer stehenbleiben und das Stimmband darf nicht vollständig freigelegt werden (Dekortikation, Stimmlippenstripping).

Nach der Operation

Die Prognosen nach phonochirurgischer Abtragung von Stimmlippenödemen sind gut. Allerdings kann es zu Rezidiven kommen. Aus diesem Grund sollte nach der OP immer eine logopädische Stimmtherapie aufgenommen werden.